Thomas Müller

Eigentümer, Geschäftsführer

Die Zeit - Mein Artikel für die Zeitschrift "Ausblicke"

Die Zeit wird’s bringen | Die Zeit heilt alle Wunden

LEADER ist ein getaktetes Programm, welches an das EU-Budget gekoppelt ist. Ein LEADER-Jahr dauert 7 Menschenjahre, von denen etwa fünfeinhalb Menschenjahre intensiv genutzt werden können. Wir schreiben das L-Jahr 4  (L1, L2, L+, L07-13) und erwarten in Kürze den Antritt von L-Jahr 5.

Politik ist ein getaktetes Programm, welches an Wahlen gekoppelt ist. Ein Politiker-Jahr dauert 5-6 Menschenjahre von denen 5-6 intensiv genutzt werden sollten. P-Jahre sind leider nicht synchron mit L-Jahren was manchmal zu Komplikationen in den Zielsetzungen und Umsetzungszeiträumen führen kann.

Menschen und Prozesse sind in der Regel nicht getaktet. Sie wollen und brauchen Kontinuität. Ideen werden entwickelt, Maßnahmen geplant, Finanzierungen beschlossen und die Umsetzung in Angriff genommen. Diese Kontinuität wird durch L- und P-Jahre oft massiv gestört, aber dennoch findet kontinuierliche Entwicklung statt. In der Regionalentwicklung handelt es sich zumeist nicht um professionelles, minutiöses Umsetzungsmanagement wie in Großkonzernen üblich. Regionalentwicklung „menschelt“, das braucht Zeit zum Überlegen, Idealismus, Bottom-Up-Reifeprozesse und vieles mehr. Regionalentwickler leben ständig mit nicht eingehaltenen Terminen und/oder verpassten Projektzielen und müssen sich eine große Zeit-Flexibilität anlernen.  Das hat einen kleinen praktischen Nutzen: Würde jedes angeleierte Projekt seine vereinbarten Zeiten einhalten, wären die Regionalentwickler zeitlich vermutlich hoffnungslos überfordert. Nur durch die zeitliche Flexibilität ist das LEADER-Management mit den derzeit zur Verfügung gestellten Ressourcen überhaupt bewältigbar. Man kann sich getrost „überbuchen“ ohne davon Magengeschwüre zu kriegen.

Und dann kommt die Zeit der Rechenschaft: Hat man genug (Top-Down) Druck gemacht um nichts unnötig verschleppt zu haben? Hat man genug Zeit gegeben um niemanden zu überfordern, Akteuren die Partizipation stressfrei zu ermöglichen und geplante Absichten reiflich überlegen zu können? Der Blick nach vorne ergibt zumeist ein konfuses Bild. Zu sehr ist man hin- und hergerissen zwischen unterschiedlichsten Projekten und Themenstellungen. Aber der Blick nach hinten kann sehr befriedigend sein und beantwortet schließlich die Frage nach der Zeit: Regionalentwicklung ist etwas Langsames. Schnelle Projekterfolge sind bedeutend und wichtig, lassen jedoch noch keinerlei Schluss auf die tatsächliche Entwicklung der Region zu.

Herbert von Karajan hat in seinem Buch „Dirigieren ist die höchste Stufe des Glücks“ geschrieben: „Ein jeder Trottel kann mit einem guten Orchester schnell einen Konzerterfolg einfahren. Aber ein Orchester über 15 bis 20 Jahre aufzubauen, zu formen und zu einem einzigartigen Klangkörper zu bilden, das ist die wahre Kunst des Dirigierens“. Regionalentwicklung funktioniert vermutlich ebenso. Aber: Werden wir die Zeit haben, das zu erfahren? Oder werden L- und P-Jahre weiterhin den Takt vorgeben, in welchem Laufendes beendet und Neues begonnen werden MUSS und Gutes wie Bewährtes nicht gut und bewährt genug ist um weitergeführt bzw. – was noch viel wichtiger ist - weiterentwickelt zu werden und die daraus resultierende Fluktuation der handelnden Personen eine Kontinuität unmöglich macht da nur schnelle Projekterfolge das Maß der Dinge sind?